Wie ein kleines Y-Stück Leben rettet
Immer wieder kommt es bei der Verlegung von Intensivpatienten zu Transportindikationen, die neben der medizinischen Herausforderung auch besondere Anforderungen an die logistischen Fähigkeiten des jeweiligen Leistungserbringers stellen. Das Fehlen einer Norm-Ausstattung für Intensivtransportwagen führt dazu, dass die Leistungsfähigkeit der verschiedenen Systeme unterschiedlich ist und somit nicht jede Transportanfrage von jedem ITW bedient werden kann. Aber gerade bei diesen besonders schwierigen Transporten geht es für den Patienten häufig im Wortsinn um alles oder nichts. Unser Anspruch ist es deshalb, gerade auf solche Transportanfragen möglichst vorbereitet zu sein bzw. im konkreten Einzelfall zeitnah eine adäquate Lösung zu finden.
Am 16. November 2004 erreichte unseren in Marburg stationierten ITW während eines anderen Transfers eine solche Transportanfrage:
Ein 53-jähriger Mann, der infolge einer am 15.10. durchgeführten Rectum-Resektion eine Peritonitis und anschließend ein schweres ARDS („Schocklunge“) sowie ein akutes Nierenversagen erlitten hatte, sollte nun aus einer Klinik in Frankfurt nach Aachen verlegt werden, um dort die lebensbedrohliche Lungendysfunktion durch ein extracorporales Verfahren zu überbrücken.
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Die Besonderheit: die Lunge des Patienten war zusätzlich durch mehrere (Spannungs-) Pneumothoraces mechanisch beschädigt, so dass insgesamt sechs Drainagen notwendig waren, um eine ausreichende Entfaltung der Lunge aufrecht zu halten. Dazu mussten diese 6 Drainagen zwingend kontinuierlich unter Sog gehalten werden, so dass für die Verlegung nur ein Rettungsmittel mit entsprechender Ausrüstung in Frage kam. Zum Zeitpunkt der Anfrage bei uns hatten deshalb bereits zwei ITW (aus Nordrhein-Westfalen und Hessen) den Transfer ablehnen müssen.
Unsere erweiterte Ausstattung beinhaltet genau für solche Indikationen ein simples Detail: Y-Stücke. Damit ist es möglich, mittels einer fein regulierbaren Absaugpumpe, deren Saugsystem in diesem Fall mit 5 solcher Y-Stücke auf insgesamt sechs Anschlüsse aufgezweigt wird, alle Drainagen kontinuierlich mit dem benötigten Sog zu versorgen. Wir konnten den Transfer somit zusagen.
Vor Ort eingetroffen galt es nun - nach umfangreicher medizinischer und pflegerischer Übergabe durch das Klinikpersonal - die Übernahme des Patienten sehr sorgfältig zu planen und schrittweise umzusetzen. Ohnehin birgt diese Phase einer Verlegung stets das größte Gefährdungspotential für derart instabile Patienten: Hochwirksame Medikamente müssen unter ständiger Beibehaltung der benötigten Förderrate durch überlappende Verabreichung von den Spritzen-
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pumpen der Klinik auf die eigenen mobilen Geräte gewechselt werden; die gleiche Sorgfalt gilt bei solch aggressiven Beatmungsparametern wie hier auch für das Wechseln des Intensiv-Respirators – unter ständiger Überwachung durch den Intensivmonitor und ergänzt durch wiederholte Blutgasanalysen. Dieser erhebliche Aufwand wurde zusätzlich durch das Management der Thoraxdrainagen noch vergrößert, so dass für die Phase der Patientenübernahme insgesamt 3,5 Stunden benötigt wurden !
Dass dieser Aufwand sinnvoll und lohnend ist, wurde uns nach einer unkomplizierten Transportphase von nur zweieinhalb Stunden bestätigt: trotz der maximal eingeschränkten Lungenfunktion und der erschöpften Kompensationsmöglichkeiten für den Säure-Basen- und den Elektrolythaushalt des Patienten durch das akute Nierenversagen konnten wir den Patienten in nahezu identischem Zustand in Aachen übergeben.
Nach CT-Diagnostik von Kopf, Thorax und Abdomen wurde der Patient auf die anästhesiologische Intensivstation verbracht und noch in der Nacht per arterio-venösem Bypass an die extracorporale Lungenunterstützung (ECLA) angeschlossen. Diese im Vergleich zur extracorporalen Membran-Oxygenierung (ECMO) weniger invasive Technik dient v.a. der Reduktion des CO2. Unter Fortführung dieser Therapie bei weiterhin notwendiger aggressiver Beatmung (PEEP: 15-20) konnte die respiratorische Situation des Patienten schnell verbessert werden (FiO2:0,6; pO2:100; pCO2:<50), so dass nach Tracheotomie am 6. Tag mit der Entwöhnung von der Beatmung am 8. Tag begonnen werden konnte.
Die Darm-Resektion mit der ursächlichen und per Re-Laparotomie noch in Frankfurt korrigierten Insuffizienz der Anastomose erwies sich als erfolgreich: der Patient führt wieder ab und ein Keimnachweis blieb negativ, so dass auf eine Antibiose verzichtet werden konnte.
Trotz fortbestehender Nieren- und auch Leberinsuffizienz sowie einer kardialen Leistungseinschränkung gibt es für den Patienten also wieder Hoffnung auf Genesung, die ohne den Transfer nach Aachen nicht absehbar gewesen wäre.
So hat möglicherweise ein kleines Ausrüstungsdetail das Leben eines Menschen gerettet.